«Creatives & Aussergewöhnliches rund ums Tipi»

Ge­dankenlosigkeit, wilde (Männer-)Fantasien und seichte Geschichts-Klitterung:

RTL Neuverfilmung der Winnetou-Trilogie

 

RTL Interactive GmbH
Geschäftsführer Frank Hoffmann

Picassoplatz 1

D - 50679 Köln

 

Sehr geehrter Herr Hoffmann

 

Mit Spannung habe ich die Neuverfilmung der Winnetou-Trilogie erwartet, da ich mich seit bald 30 Jahren mit Karl May und den Kulturen nordamerikanischer Indianer, vor allem den Apachen (auch wissenschaftlich) beschäftige. Die Neuverfilmung hätte es erlaubt, alte Fehler in der Dar­stellung historischer Zusammenhänge und indianischer Kulturen zu korri­gieren, eine Neu­interpretation des Stoffes hätte große Chancen geboten. Leider musste ich feststellen, dass die Neuverfilmung ein lächerliches Beispiel von unsauberer Recherche, Ge­dankenlosigkeit, wilder (Männer-)Fantasien und seichter Geschichtsklitterung geworden ist. Gleichzeitig wird das Publikum für dumm erklärt, die Zuschauer wissen ja sowieso nichts über indianische Kulturen oder US-amerikanische Geschichte. Ganz abgesehen davon, dass man sich unwillkürlich fragt, welche Bedeutung Karl Mays Erzählungen für die Filme überhaupt noch hatten.

 

Selbst wenn ein aufmerksames Publikum in ihrer Begleitdokumentation überhört, dass das berühmte Zusammentreffen der Central Pacific Railroad 1869 im nördlichen Utah und ganz bestimmt nicht in der Nähe von Roswell stattfand – jede Person, die im Besitz eines Weltatlas‘ oder eines Computers mit Internetanschluss ist, wird feststellen können, dass Roswell nicht in Arizona sondern in New Mexico liegt. Der Grenzverlauf des Arizona Territory wurde bereits 1866 festgelegt und umfasste zu keiner Zeit das heutige New Mexico.

 

Grundsätzlich ist positiv zu vermerken, dass im Film eine indianische Sprache gesprochen wird – wenn auch wie befürchtet sämtliche indianischen Rollen von europäischen Darstellern verkörpert werden – aber wer um Himmels Willen kam auf die Idee, unterschiedslos alle Indianer des Films Lakota sprechen zu lassen? Jedem, der „Der mit dem Wolf tanzt“ mit einigermaßen wachen Sinnen gesehen hat, wird die Ähnlichkeit auffallen. Das beweist einmal mehr die typische europäische Gleichgültigkeit bzw. Ignoranz der Vielfalt indianischer Kulturen gegenüber. Es spielt ja keine Rolle, welche Sprache sie sprechen, die Indianer sind ja sowieso alle gleich. Damit ist das Klischee des Einheitsindianers als Prärieindianer einmal mehr zementiert. Natürlich ist Lakota besser dokumentiert als Mescalero, von dem es nur ein einziges Lexikon aus dem Jahr 1982 gibt, aber seit dem Film „Geronimo“ 1993 wäre das Material sicherlich zugänglich – hatte doch vor allem Karl May die indianischen Sprachen in ihrer Vielfalt darzustellen gewusst.

 

Daran schließt sich die Frage an, weshalb ein Lakota als indigener Filmberater engagiert wurde – was weiß er über die Kultur und Geschichte der östlichen Apachen? Wenn er sich mit dieser Kultur auskennt, dann vermutlich, weil er es gelernt hat, dazu muss er aber nicht Lakota sein. Oder wurde er als Alibi-Indianer engagiert, mit der Begründung: er sei ja Indianer, damit sich die Produktion den Anstrich einer politisch korrekten Einbeziehung eines völlig beliebigen indigenen Vertreters geben kann? Offenbar ist seine Beratung nicht berücksichtigt worden, oder er konnte zur Kultur der Mescalero – wie vermutet – keine Auskunft geben, denn es gibt eine Vielzahl eklatanter und peinlicher Fehler in der Darstellung der Mescalero-Apachen. Ganz offensichtlich hat man sich mehr Mühe bei der Suche nach Filmorten als bei der Darstellung der Kultur gegeben. Vor allem im letzten Teil der Verfilmung soll ja offenbar die Völkerverständigung ein Hauptthema der Geschichte sein. Dies ist mehr eine Farce und nicht ernst zu nehmen, da sich die Filmproduzenten ja nicht einmal selbst Mühe gegeben haben, die Mescalero zu verstehen.

 

Ganz abgesehen von der historischen und ökonomischen Situation, in der sich die Mescalero in den 1860er Jahren im amerikanischen Südwesten befanden (ich empfehle Ihnen das Buch von Almer Blazer: Santana. Taos 1999) ist ihre Kleidung sicherlich nicht anhand von Bildern von George Catlin nachzustellen, der ab 1832 auf die Plains reiste. Die Mescalero und überhaupt Apachen nahmen grundsätzlich keine Skalps, die Darstellung im Film ist eine erwartet typische blutrünstige Handlung des Klischeeindianers und entbehrt jeder Grundlage. Bei einer Bestattung wurde alles Eigentum des Verstorbenen vernichtet, es wurden keine Plains-Totengestelle wie auf Catlin/Bodmer-Bildern errichtet, und natürlich hängen daran auch keine Traumfänger aus dem amerikanischen Nordosten. Die Apachen meiden Schlangen, da sie ihrer Ansicht nach Unglück und Krankheiten bringen, deshalb hätte man dem toten Winnetou sicher keine Schlangenhaut über die Stirn gelegt. Wenn Mescalero auch oft Tipis und seltener Wickiups verwendeten, waren es sicher keine Stofftipis mit einzelnen malerisch aufgenähten Tierhäuten, die zentrale Rundhütte ist pure Erfindung, und der mit Abstand größte Faux-pas ist ein Wappenpfahl der Nordwestküste in einiger Entfernung vom Tipidorf und in der Rundhütte! Wie bei schlechten Kinderbüchern und billigen Spiel-Sets wurden einfach beliebte Elemente aus völlig verschiedenen indianischen Gesellschaften herausgesucht und zu dem gemacht, was man sehen will.

 

Die privaten Bereiche von Männern und Frauen waren bei den Apachen deutlich voneinander getrennt: Kein Mann hätte sich der Badestelle der Frauen nähern dürfen, ohne heftig bestraft zu werden, ein gefangener Weißer wäre wahrscheinlich sofort erschlagen worden. Halbnackte Mädchen zu beobachten, die sich auch noch über die Schüchternheit des weißen Mannes amüsieren ist eine typische Männerfantasie von der angeblich freizügigen indianischen Sexualität – die Weißen machen es ja so kompliziert! In den Bereich „Wunschdenken der Europäer“ fällt auch die lächerliche Darstellung einer Apachenfrau, die im ledernen Bikini-Kostüm mit einem Speer einen Ehemann erlegt.

 

Die Apachen haben als mobile Gruppen keine Verwendung für Gold, sein Abbau war verpönt. Auch die Anhäufung von Reichtum ist völlig unsinnig, wenn nach dem Tod alles verbrannt wird. Die Apachen sind keine Azteken, die angeblich vor irgendwelchen steinernen Götterstatuen Goldschätze niederlegen. Die Goldhöhle ist also wie das Frühlingsfest mit brennendem Hirsch und wilden Tänzen völlig erfunden, aber es ist das, was Europäer (angeblich) sehen wollen.

 

Auch andere Stämme wie die Comanchen werden beschämend lächerlich und unreflektiert dargestellt, mit einheitlicher schauriger Gesichtsbemalung in einem sumpfigen, düsteren Dorf und einem hünenhaften, leicht wahnsinnigen Anführer, der seine Gefangenen gerne foltert oder sich mit diesem einen brüllenden Zweikampf in einer Gitterarena liefert. Unwillkürlich fragt man sich, was die Lakota und Cree (Letztere sind in der Subarktis beheimatet) im Gebiet der Apachen zu suchen haben. Diese Stämme haben einander nie gesehen oder gar bekämpft, und sie hätten auch niemals in einen Kampf zwischen Apachen und Weißen eingegriffen, weshalb auch?

 

Ich reise seit vier Jahren zu Recherchezwecken regelmäßig auf die Mescalero-Reservation in New Mexico und habe festgestellt, dass die Menschen dort sehr begeistert reagieren, wenn man sich an einem so weit entfernten Ort ernsthaft und aufrichtig für ihre Kultur interessiert. Positives Interesse sind sie von der amerikanischen Umgebung nicht gewohnt. Einige von ihnen kennen die alten Karl May-Filme, einige sind auch schon nach Radebeul eingeladen worden, der Leiter des Cultural Center in Mescalero ist ein zugänglicher und offener Mann, der gerne Auskunft gibt.

 

In der heutigen, so vernetzten Welt wäre es ein Leichtes gewesen, die Kultur der Mescalero korrekter darzustellen, über Infos auf ihrer Homepage, über ethnografische Bücher oder über Kontakt mit den Betroffenen selbst. Und falls das nicht im Budget gelegen hätte, was schwer vorstellbar ist, hätte man auch Ethnologen von einer Universität oder einem Museum zu Rate ziehen können.

 

Aber scheinbar wurde dies nicht für nötig befunden. Unter dem Deckmäntelchen der künstlerischen Freiheit kann man verschiedene Elemente indianischer Kulturen mischen und daraus einen Einheitsbrei kochen. Unwissen, getarnt als filmischer Kunstgriff, erlaubt ungezügelte Fantasie, die aber dummerweise einer heute lebenden Gemeinschaft zum Nachteil gereicht, die eine gerechte Darstellung mehr als verdient hätte.

 

Wer sollte sich auch schon darüber beschweren? Die Apachen können kein Deutsch, sie wissen nichts von dem Film, und können sowieso nicht eingreifen, wenn sie in Deutschland falsch und abwertend dargestellt werden. Sollten Vertreter der Mescalero erfahren, dass in der angeblich so fortgeschrittenen Moderne 2016 ein derartiges Machwerk über sie gedreht wurde, wäre es wünschenswert, dass ihnen die Produzenten Rede und Antwort stehen.

 

So bleibt nur eine weitere verspielte Chance, die zeigt, dass manche Menschen nichts dazu gelernt haben, das indianische Kulturen bedenkenlos ins Lächerliche gezogen werden können und die intensive Beschäftigung mit ihnen scheinbar nicht lohnt, denn sie sind ja alle gleich.

 

Schade, dass Gelder auf diese Weise verschwendet werden.

 

Dr. Veronika Ederer, Windisch (CH)

 

 

»CreaTIPI«

Peter Kuhn

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E-Mail: creatipi(at)bluewin.ch

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